nichts mit Philosophie zu tun haben. Da gibt es jemanden, der sagt, wenn du dich basisch ernährst und vielleicht vegan noch dazu, dann kommen deine Hormone in Schwung und das Aufstehen fällt dir viel leichter. Ein ande rer behauptet das Gegenteil. Dazu kommen etliche Heilsversprechen der Konsumgüter industrie. Warum funktioniert das so gut? Die Menschen lassen sich ihre Autonomie sehr schnell abkaufen und leben dann lieber in Knechtschaft, als selbstständige Wesen zu sein. Kant nennt das Faulheit – dass man also den kritischen Verstand an andere delegiert. Dabei gibt es nun mal die eigene Urteilskraft und die Kunst der Unterscheidung. Daher kommt übri- gens auch das deutsche Wort „Bescheidenheit“, das auf die Fähigkeit verweist, die richtigen Unterscheidungen zu treffen und zurückhaltend zu sein. Deswegen glaube ich, dass ein gutes Leben viel mit Bescheidenheit zu tun hat. Und damit, die richtige Mitte zu finden. Wir können nicht direkt auf das Glück zuschießen, son dern es kommt eher nebenher, es kommt quasi hinterrücks. Die Menschen lassen sich ihre Autonomie sehr schnell abkaufen Ja, aber das Glück kommt doch auch, wenn ich gegen Widerstände ankämpfe und mich in Tugenden übe. Nehmen wir die Tapferkeit: Ich werde tapfer, wenn ich gegen die Angst ankämpfe. Oder die Großzügigkeit, auch die kann man erlernen. Richtig, und nach Aristoteles ist es dabei ein großer Unterschied, ob ich mein Geld geerbt oder ob ich es selber erworben habe. Die Groß- zügigkeit von einem, der nicht weiß, wie schwer es ist, Geld zu erwerben, muss man unterschei- den von der Großzügigkeit eines Menschen, der sein Geld hart verdient hat. Was ja nachvollziehbar ist. Stimmt, aber für diese Erkenntnis brauche ich nicht unbedingt Aristoteles. Ich freue mich aber, dass Aristoteles etwas sagt, was meiner eige- nen Lebenserfahrung entspricht. Lassen Sie uns kurz bei den Tugenden blei ben. Aristoteles sagt nicht nur, dass die Tu- genden der Weg zum Glücksempfinden sind, sondern auch das Vorhandensein von Glücks- gütern, von materiellen Dingen. Wie schätzen Sie die Bedeutung von Wohlstand ein?
post claiming the opposite. And then there are the numerous promises of miracle heal ing from the consumer goods industry. Why is it all so effective? People are very quick to give up their autonomy: better to live in relative subjugation than to be independent beings. Kant referred to this as laziness, i.e., delegating critical thinking to oth ers. But we can all also call on our own powers of judgement and the art of discernment. The German word for “discernment” is “Unterschei- dung,” which is where the word “Bescheiden- heit” (humility) comes from. Humility suggests an ability to make the right distinctions and exercise caution. That’s why I think a good life has a lot to do with humility – and, by extension, striking the right balance. Happiness is not something we can target directly, it is more of an agreeable side effect that can creep up “under the radar,” you might say. People are very quick to give up their autonomy Yes, but happiness also transpires when I try to overcome obstacles or do good things. It’s like bravery: I get braver when I confront fear. Or generosity, which is also something that can be learned. That’s right, and it was Aristotle’s view that there is a big difference between inheriting money and earning it oneself. It’s important to differen tiate between generosity shown by a person who doesn’t know how difficult it is to acquire wealth and generosity from someone who has worked hard for their money. Which you can appreciate. Yes, but I don’t necessarily need Aristotle to tell me that. It is, though, good to know that Aristotle was saying something that tallies with my own life experience. Let’s stay on the subject of virtues for a little longer. Aristotle said that, as well as virtues, the presence of good fortune – i.e. material things – also offers a path to happiness. How do you assess the importance of wealth? Wealth is important, there’s no doubt. But where do you draw the line? When does it get to be too much? Philosophers do not need a great deal. They travel light and will lose little if their ship sinks. But wealth can also make you happy, no question. If I was rich – and I mean seriously rich – I’d like to give lots of money away. Philan- thropy is something I admire about wealthy
Retreat Achtsamkeit zu lernen. In der antiken Philosophie hatte man noch die Hoffnung, dass die kleinen Stadtstaaten funktionieren und für ein gutes Leben sorgen würden. Aristoteles war zum Beispiel der Meinung, dass man ein gu- tes Leben nicht auf dem Land führen kann, wo man wilder als die Tiere lebt, sondern nur in der Stadt. Weil es da Arbeitsteilung gibt und man die Möglichkeit hat auszusuchen, was einem liegt – ob man zum Beispiel lieber Schmied oder lieber Zimmermann werden will. Dass man also die Möglichkeit hat, genau das, was in einem angelegt ist, auch zur Verwirklichung zu bringen. Und das ist dann das gute Leben. Es ist eng verbunden mit Selbstverwirklichung und Mitbe- stimmung im politischen Sinne. Selbstverwirklichung und Mitbestimmung – dieser Vorstellung von einem guten Leben kann man doch grundsätzlich immer noch zustimmen, oder? Sicherlich, Stadtluft macht frei, es gibt aber noch andere Vorstellungen. In der spätrömischen Zeit haben die Stoiker zum Beispiel auf die Frage, was ein glückliches Leben sei, geantwortet: das Unglück zu ertragen. Damit ist gemeint, dass der Philosoph zwar weiß, dass er das Schicksal nicht in der Hand hat. Dass er die innere Hal- tung dazu aber sehr wohl in der Hand hat und dass ihn das unerschütterlich macht. Nun gab es aber auch antike Philosophen, die der Meinung waren, dass man niemanden zum guten Leben erziehen muss, weil man alles dafür schon in sich hat. Ja, das glaube ich auch. Das geht in Richtung Lebenskunst, die eigentlich die antike Medizin imitiert. Man sagte damals, dass man dort woh- nen sollte, wo die Winde gut sind, dass man auf Schlafen und Wachen und auch auf die Leiden- schaften achten soll und so weiter. Und das ist heute noch genauso: Man läuft jedem medizi- nischen Trend hinterher und lässt sich von den Ärzten schikanieren. Was man darüber aber total vernachlässigt, ist der eigene vernünftige Sinn, die eigene Urteilskraft. Wir können uns an Leute wenden, wenn wir konkret Hilfe brauchen, aber doch nicht grundsätzlich! Ich meine, dass die Philosophie kaum etwas anderes sagt als das, was der gesunde Menschenverstand einem auch sagen könnte, was man also in sich hat. Wenn die Fähigkeit zum guten Leben schon angelegt ist im Menschen, wieso lässt er sich trotzdem immer wieder auf Abwege bringen? Auf Instagram zum Beispiel werden einem viele Wege zum Glück vorgeschlagen, die alle
city, and not in the countryside, where you are more wild than the animals. Because in the city there is division of labor and you have the oppor tunity to choose what suits you best – for example, whether you’d prefer to be a black smith or a carpenter. You have the opportunity to bring to fruition what is inherently within you. Then you have a “good life.” It is closely linked to self-realization and participation in the politi- cal sense. Self-realization and participation: this idea of a good life still has plenty to get on board with, doesn’t it? For sure – “city air makes you free,” as the old German saying goes. But that’s not the only way to look at things. For example, in the late Roman period the Stoics’ answer to the question of what made a happy life was “dealing with misfortune.” By this they meant that, while the philosopher knows that he has no control over fate, he also knows that he does have control over his inner attitude – and that makes him in vincible. But there were also ancient philosophers who believed you didn’t need to teach people to live well, because they already had every thing they needed to achieve this within themselves. Yes, I also believe that. As an idea, it leans to- ward the art of living, which actually mimics an- cient medicine. They used to say you should live where the winds are favorable, you should at- tach a lot of importance to sleeping and waking, and to passions – that sort of thing. And nothing much has changed in this respect. We’re always chasing after every medical trend and getting hectored by doctors. But what people com pletely overlook is their own common sense and sound judgement. We should by all means turn to the relevant experts if we need specific help, but not as a matter of course. What I’m trying to say is that philosophy has little more to impart than what common sense will tell you – i.e., what you already know inside. If the ability to have a good life is already in- herent in humans, why do we repeatedly allow ourselves to be led astray? Instagram, for example, can suggest any number of routes to happiness, none of which has any philosophical substance. One minute, there’s someone telling you an alkaline – perhaps also vegan – diet will be great for your hor mones and make getting up in the morning that much easier. The next, you’re hit by a
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