ATLAS 24 - Das gute Leben / The good Life

dann zu sagen, ach, der ist auch nicht besser als ich. Und was hat man davon? Ja, was hat man davon? Man entehrt den Menschen. Und durch die Transparenz, die es durch die sozialen Medien heute gibt, ist das fast unerträglich geworden. Vielleicht ist es die Verbitterung, die atmosphä- risch alles so herunterzieht. Dabei kann Bewun­ derung sehr nützlich sein! Denken Sie an die Kanonbildung der Literatur. Es ist egal, ob da nun Vergil oder Goethe drin ist, darüber kann man sich ruhig die Köpfe heißreden. Es geht darum, ein Angebot zu haben mit Leuten, von denen man lernen kann. Dass die etwas exemplarisch formuliert und zur Sprache gebracht haben. Jeder hat doch für sich irgendeine Hitparade mit Leuten, von denen er etwas hat – wunder- bare Sätze, Strophen oder einzelne Zeilen von irgendwelchen Songs, die einen trösten oder aufrichten. Sie haben nicht nur über Bewunderung ge­ schrieben, sondern auch über Spott. Sie sagen, dass man das, was über einem ist, bewundern oder verspotten kann. Verhilft uns der Spott vielleicht auch zu einem besse­ ren Leben? Ich denke daran, dass man gern spottet, wenn man sich ohnmächtig fühlt, zum Beispiel gegenüber einer Regierung. Der Spott ist eine Form, sich von der Größe zu befreien. Und er enthält die Fähigkeit, sich vom Zwang und von der Macht der Nachahmung zu lösen. Wir sind ja, sagt René Girard, eine riesi- ge Nachahmungsmaschine. Wir glauben zum Beispiel, wir hätten unsere Eltern durchschaut und würden alles besser machen. Und irgend- wann erkennen wir dann, dass wir den Blödsinn der Eltern eben doch weitergeführt haben. Die Frage, wie wir Nachahmung brechen, ist also ein Riesenproblem. Und eine Lösung dafür könnte die Umkehrung sein, die Ironie und der Spott. Sicherlich verspottet man gern genau das, was man eigentlich bewundert. Weil es einem schwerfällt zu sagen: Ich bin neidisch, dass die- se Person so agieren kann, wie sie agiert, denn ich kann das leider nicht. Von der Bewunderung ist es nur ein kurzer Schritt zur Liebe. Welche Rolle spielt die Liebe in einem guten Leben? Haben Sie dazu auch schon etwas geschrieben? Ja, natürlich. Darüber zu schreiben, ist aber schwierig, weil man den richtigen Ton finden muss, damit es nicht kitschig wird. Dabei ist die Liebe ein ganz wichtiger Impetus in jedem

stars who have produced work they love – won- derful sentences, verses or lines from songs that provide comfort or boost the spirits. As well as writing about admiration, you’ve also looked at mockery. You point out that we can either admire or mock things or people of higher standing. Does mockery in some way help improve our lives? I’m think­ ing about how we like to make fun of some­ thing when we feel powerless about it – a government, for example. Mockery is a way of liberating ourselves from greatness. And within it lies the ability to break free from the compulsion and power to imitate. René Girard describes humans as a huge mimetic machine. For example, we think we can see the failings in our parents and do everything better. But at some point we realize that actu- ally we’ve just kept doing the same nonsense as them after all. The question of how we break the imitation cycle is therefore a huge one. One solution could be to turn the situation on its head, to choose the path of irony and mockery. There’s no doubt we like to mock exactly those things we actually admire. Because admitting it is tough: I’m envious that so-and-so can act the way they do, because I unfortunately cannot. From admiration, it is only a short hop to love. What role does love play in a good life? Have you also written about that? Of course. Writing about it isn’t easy, as you need to find the right tone in order to avoid schmaltziness. However, love is a very impor­ tant impulse for anyone who is questioning if they’re fine being “on their own.” After all, if you love someone, you put yourself in their hands and relinquish the autonomy that the philo- sopher always wants to retain. If you are then loved in return, it is like being given this auto- nomy back as a gift. That’s why love needs an ingredient like fidelity to maintain its balance. Does that make sense? A happy life is not just about autonomy and self-realization, but also the opposite: restriction. If we fall in love with another person, we’re entering into a commit- ment that qualifies our autonomy. And recogniz­ ing that we’re not enough for ourselves? That’s actually rather nice. Hannes Böhringer is a German philosopher who moves in the upper echelons of modern and contemporary art and architecture, but also explores the big questions of everyday life. He is a keen observer of how words, actions, and things can shape our lives.

Menschen, der die Selbstgenügsamkeit infrage stellt. Denn wenn man jemanden liebt, begibt man sich in dessen Hand und verliert diese Auto- nomie, die der Philosoph immer haben will. Wenn man wiedergeliebt wird, bekommt man sie aber als Geschenk zurück. Deswegen braucht die Liebe so etwas wie Treue, um im Gleichgewicht zu bleiben. Ist das verständlich? Zum glücklichen Leben gehören nicht nur Auto- nomie und Selbstverwirklichung, sondern auch das Gegenteil, die Einschränkung. Wenn ich mich in einen Menschen verliebe, dann gehe ich eine Verbindlichkeit ein, die meine Autonomie relativiert. Und dass wir uns nicht selbst genug sind – das ist doch eigentlich sehr schön. Hannes Böhringer ist ein deutscher Philosoph, der sich nicht nur in den Höhen moderner und zeitgenössischer Kunst und Architektur bewegt, sondern auch im Alltäglichen die großen Fragen entdeckt. Mit wachem Blick verfolgt er, wie Worte, Handlungen und Dinge unser Leben formen.

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